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Donna und Dario

Es herrschte also reger Betrieb im Luftraum über den Gassen. Das Flügelschlagen nahm kein Ende, ebenso wenig das Tschilpen, Gurren, Krächzen und Pfeifen. Dass aber auch Katzen durch die Luft geflogen kamen, war eine Neuheit, die sogar die abgebrühtesten Käfigvögel auf ihren Fensterbrettern erstaunte. "Nichts für ungut." Das war alles, was Dario zu der Riesenrabenkrähe zu sagen wusste, auf deren Rücken er nach seinem verhängnisvollen Sprung aus dem Fenster gelandet war. Sie waren beide auf einen vorüberfahrenden Sperrmüllwagen gestürzt, mitten auf ein altes Sofa, dessen Polsterung den Aufprall ein wenig milderte.

"Nimm sofort dein mörderisches Werkzeug aus meinem unschuldigen Leib", zeterte die zerzauste Krähe, "oder ich hacke dir die Augen aus, so schnell kannst du gar nicht schauen."

"Du meine Güte!" Dario zog schleunigst die Krallen ein, aber ganz ohne Gewalt ging das nicht. Der Vogel musste Federn lassen. "Ich habe es nicht so gemeint." Dario spuckte und spuckte. Die pechschwarzen Daunen, die er sich aus den Pfoten zupfte, steckten nun zwischen seinen Zähnen.

"Soll das ein Witz sein, oder hast du eine Meise?" Die Krähe zielte mit dem Schnabel nach ihm und versuchte gleichzeitig ihr Gefieder in Ordnung zu bringen.

"Was für eine Meise?", fragte Dario. Er kannte nur die Vögel von den städtischen Dächern.

"Du musst übergeschnappt sein", krächzte die Krähe, ein beachtliches, ausgewachsenes Exemplar. "Seit wann springen Katzen aus dem fünften Stock?" Sie kämmte ihr Gefieder, hackte nach ihm und schimpfte abwechselnd, während Dario sich sachte immer weiter zurückzog, bis sein Schwanz sich an der Seitenlehne des Sofas stauchte.

"Ein Irrtum", flüsterte er zerknirscht.

"Was heißt da Irrtum?" Die Krähe hatte nun selber den Schnabel voller Federn.

"Verzeih, aber ich habe dich für einen riesigen schwarzen Badewannenstöpsel gehalten."

Als die Krähe das hörte, knickte sie ein wenig ein, und ihr Gefieder sträubte sich. "Sag das bitte noch einmal", krächzte sie heiser. "Ich kann es nicht glauben!"

Dario hatte die Pfoten vors Gesicht geschlagen und wäre am liebsten mit dem blaugrauen, verschlissenen Samt des Sofas verschmolzen. "Ich war ganz versessen darauf", gab er wimmernd zu.

"Versessen worauf?", fragte die Krähe streng.

"Auf Badewannenstöpsel. [...]" (S. 5f.)

(c) 1997, Sauerländer, Aarau, Frankfurt / Main, Salzburg.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.